2019 | Karnische Alpen | Tour-Tagebuch - 8. Tag (24.08.2019)

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8. Tag (Samstag, 24. August 2019)

Dillingen – Brachttal
nicht zur Sonne – sondern von Sonne zu Bäcker

Peter beginnt den Zündfunken mit dem Hinweis, dass dies der Vorletzte sei. Widerspruch regt sich in mir: von vorletztem oder letztem Tag will ich nichts hören. Wir haben wieder einen Tag, genauer den 8.ten, vor uns, der trocken, sonnig und wieder spannend zu werden verspricht, ein neuer Tag auf dieser an Erlebnissen und Ereignissen nicht gerade armen Fahrt. O.K. nicht für alle. Nachdem Thomas bereits am 2.ten Tag sich von uns verabschieden musste, war heute Jürgen dran. Eine letzte Umarmung, gute Reisewünsche und das Vergnügen, abends ein Ankommensbier auf ihn zu trinken – was unsere Gruppe dann auch tat.
Also ein neuer Tag, zwar nicht wie in den letzten Tagen mit Gipfel-Panorama, tiefen Tälern und Schluchten, türkisfarbenen Seen und Hinweis auf 36 Tornantes. Nein, das nicht, aber es sind die Kleinigkeiten, die den Tag interessant machen: ein großer Hund in der Rezeption, den ein Kindergitter im Türrahmen von den Gästen fern hält – oder war es umgekehrt?
• ein Spinnennetz zwischen Rainers Spiegel und Gasgriff – wie fährt Rainer denn neuerdings??
• ein Bildstock direkt an der Tankstelle
• auf der Strecke ein alter Borgward
• eine Oldie-Rallye von alten Nutzfahrzeugen mit Firmennamen, die längst untergegangen sind, z.B. „Büssing“
• ein gepflasterter Schattenwurf der ehemaligen Synagoge in Wertheim als Zeichen der Erinnerung
• Paragleiter über uns und trockene Straßen unter uns
• vor mir eine inzwischen eingespielte Gruppe, die mit gleicher Distanz und Fahrweise in gepflegter Zügigkeit die herrlichen Schwünge des Straßenverlaufs mitnimmt.
Und überhaupt ist es schön, dass der Traum eines 12-jährigen, der sehnsüchtig auf die Kreidler Florett des Nachbarn schielte, in Erfüllung gegangen ist. Und ich bin dankbar, dass ich noch das Gelichgewicht halten kann, beim Anfahren, Wenden und Kurven fahren. Ich hatte vor einiger Zeit mal Gleichgewichtsstörungen, die, wie mein Hausarzt meinte, bei älteren Menschen, und denen muss ich mich ja auch langsam zuordnen, durch Ablagerung von kleinen Kristallen auf den Sensorhärchen des Gleichgewichtsorgans hervorgerufen werden. Und ich kann euch sagen, dass ist ein Sch….Gefühl, wenn du wankst, bis dir schlecht wird, wohl gemerkt ohne Alkohol.
Zurück zum Zündfunken. In einem Text wird ein Reha-Trainer zitiert. Du stehst immer auf 3 Punkten – Ferse, Ballen, Außenrand, deine „Stand“-Punkte. Mir erscheint das zu einfach. Sicher ergeben 3 Punkte einen sicheren Stand, jedes Fotostativ hat 3 Beine. Aber der Mensch steht nicht auf einem Fuß, sondern auf 2. Wenn man den Betrachtungsmaßstab ändert verschwimmen die 3 Punkte eines Fußes zu einem einzigen Punkt. D.h. bei 2 Füßen eine 2 Punkt-Lagerung – ein instabiles System. Die Umfaller dieser Tour können ein Lied davon singen. Aber trotzdem können wir stehen. Wir stehen, weil wir uns bewegen! Wir brauchen uns nur hier im Kreis umschauen. Der Grund im Steuerungsmechanismus bestehend aus Muskeln und Gleichgewichtssinn, der unbewusst im Hintergrund arbeitet. So ähnlich sehe ich es auch für mein Leben. Wie schon beim Thema Licht und Leuchten angerissen, bin ich meinen Eltern für sehr vieles dankbar, insbesondere für
• Liebe, die in mir ein gewisses Maß an Urvertrauen wachsen lassen konnten
• Bildung, die es mir ermöglicht Vorgänge und Themen zu differenzieren und Unterscheidungen zu treffen.
• Glauben, der wie gestern besprochen bei aller Floskelhaftigkeit mit trotzdem ein Menschenbild gegeben hat.
Aber all das steht nicht in einer statischen Beziehung zu einander, sondern muss laufend dynamisch abgeglichen, justiert, relativiert werden. Das kann geschehen durch Bücher, durch Bibeltexte, die sich plötzlich durch eine neue persönliche Erfahrung ganz anders erschließen, oder durch Gespräche, z.B. hier. Wenn ich meine, ich hätte eine besondere Last zu tragen und höre dann die Lebensgeschichten anderer, dann relativiert sich meine Last ganz schnell, u.U. wird sie sogar leichter. Auf jeden Fall verschiebt sich mein Standpunkt, der Gleichgewichtsmechanismus greift. Daher finde ich Begegnungen wie hier mit Erzählungen, Austausch und Diskussionen extrem wichtig, zur Schärfung meines Standpunktes oder besser meiner Standpunkte.
Wie „standfest“ dieses Gebilde letztlich ist, wage ich nicht zu sagen. Eine Prüfung der Standpunkte, wie sie unserer Elterngeneration auferlegt wurde, weiß ich nicht zu bestehen.
Ich danke Gott – wem soll ich sonst danken – dass das in dieser extremen Form bisher nicht notwendig war!!

 

Ulrich

 

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