2017 | Steirische Alpen | Tour-Tagebuch

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Tagebuch der Teilnehmer an der Motorrad-Pilgerfahrt in die Steirischen Alpen

2.-10. September 2017


1. Tag (Samstag, 02. September 2017)

 

Liebes Tagebuch,
ich freue mich, wieder an Dich schreiben zu können! Endlich wieder mit den „PimPSen“ unterwegs sein oder wie ich es im Freundes- und Kollegenkreis benenne: mit den Heiligenscheintours unterwegs. Denn damit ist „Ferne“ etwas anderes als die Ferne in einem normalen Urlaub. Auch spannend, neu, voller unbekannter Landschaft und Menschen – mit Pimps jedoch weit flüchtiger und immer unbekannt bleibend.
Und das ist der Punkt von vielen, der mich in die Ferne zieht – was die anderen in die Ferne zieht, durfte ich gerade beim Nachtischerfahren.

Ich bin schon wieder beseelt von diesem Gefühl der großen emotionalen Nähe mit im Grund doch recht fremden oder soll ich sagen fernen Menschen. Allein durch unsere „Überschrift“ möglich, allein durch den Willen zum Austausch und natürlich einem gemeinsamen Hobby: dem Motorrad fahren.
Das ging heute recht …….für mich an – wieder im Regen verkrampft, wieder gefühlt zu zaghaft. Warum nur kann ich in der Ferne nicht auch meine selbstzentrierte Malusorien…..
genauso zu Hause lassen wie meine berufliche Funktion mit all ihren Erwartungen und Ansprüchen. Letzteres ein ganz großer Grund, warum es mich in die Ferne zieht: da hat i.d.R. niemand Erwartungen und Ansprüche an mich. Da kann ich mich wie ein unbeschriebenes Blatt fühlen und auch sein.
Ich bin jetzt von den Sitzungsräumen des Ringberg Hotel Suhl in unser Zimmer umgezogen – im Foyer/Barbereich findet eine Art Disco statt. Kein Grund in die Ferne zu ziehen – zumindest nicht hier hin. Beruhigt bin ich durch Friedhelms Roomservice – ein kühles sehr bekömmliches Köstritzer Kellerbier – heißt es doch, dass die Pilger doch nicht der schon befürchteten Dehydrierungen zum Opfer fallen.
Über Gründe, warum es mich in die Ferne zieht oder auch diesen ersten Pilgertag könnte ich nun noch seitenweise schreiben – tue es aber nicht, was sicher auch dazu beitragen wird, morgen nicht erst mittags zu starten.

Ich freue mich ungemein auf die vor mir liegende Woche, sowohl auf alles Ferne und Fremde als auch auf alles nahe und vertraute und nicht zuletzt auf mich selbst.

Regina (…die große, mittlerweile sehr kurzhaarige Blondine)

 


2. Tag (Sonntag, 03. September 2017)

Pilsen

Hallo Tour Tagebuch,
langsam endet der 2. Tag unserer Tour in die steirischen Alpen. Inzwischen ist es 21.30 Uhr. Das Nachtickern ist soeben beendet und jetzt lasse ich dich den Tag Revue passieren. Heute Morgen beim Zündfunken bekamen wir für den heutigen Tag die Losung „Neues erfahren“ zum Nachdenken unterm Helm.

Was haben wir heute Neues erfahren?

  • kurvenreiche Strecken durch den Thüringer Wald, das Vogtland und Egerland
  • ein hervorragendes Mittagessen in einer urigen Gaststätte in Gumpertswirth/Gattendorf
  • auch mussten wir öfter schlechte Straßen erfahren, haben dafür aber eine wunderschöne Landschaft kennengelernt
  • auch haben wir erfahren, dass wir in der Gruppe voneinander lernen können

Neues erfahren heißt aber auch, sich darauf einlassen und sich auf den Weg machen. Unser Weg für heute endete in Pilsen im Hotel Purkmistr. Dort trafen wir gegen 17.30 Uhr ein in konnten das Willkommensbier so richtig nach einem erfahrungsreichen Tag genießen.

Gudrun

 


3. Tag (Montag, 04. September 2017)

Zunächst einmal: Wann jemals wieder habe ich Euer aller Aufmerksamkeit so wie jetzt, beim Vorlesen des Tagebuchs? Darum nutze ich die Gelegenheit, Euch herzliche Grüße auszurichten und eine gesegnete Tour zu wünschen von Rainer Holtgrewe und Markus Simon.

Zündfunkenthema heute: Wie kann ich mich die Gemeinschaft einbringen?
Anschließend wie gestern: Starthilfe für Hubert.
Zwar ist es recht frisch, aber die Sonne lacht! Aber nicht nur die Sonne – auch der Smiley, der sich freut, dass ich mit 49km/h in Stovlince einfahre.
Alles lächelt, auch die schöne Strecke lacht mir zu und die strahlende Aussicht.
10.35 Uhr erste Pause auf einer Fußballfeld - großen Wiese. Weil alles lächelt, besonders die Sonne, überlege ich laut, ob ich die Regenpellehose ausziehen soll. Sofort entsteht wilder Protest der Gruppe: „ Bist du wahnsinnig – lass das!!“ Ist ja gut – ist ja gut! Soviel zu Thema: „Wie kann ich mich in der Gemeinschaft einbringen…

Das Ergebnis gibt dem Protest der Gruppe Recht. Weiterhin ist die Strecke, das Wetter, die Kurven traumhaft. Achtsamkeit geht mir durch die Kopf. Lass es nicht zu, dass diese Eindrücke zur Routine vergammeln. Genieße!
Carpe diem! Sei achtsam im Hier und Jetzt. Nicht nur der Natur oder den Mitpilgern gegenüber. Auch achtsam gegenüber dir selbst. Sei achtsam – gib auf dich acht!

Mittags irgendwann: Kaffee – und Kuchenpause. Hubert will sich ……und sich in Linz eine neue Batterie einbauen zu lassen. Ich begleite ihn. Die Gruppe ist weg. Hubert und ich starten. Ein Baustellenschild und „Durchfahrt verboten“ stellen sich uns in den Weg. Ich denke, was Mike kann, kann ich auch…hat geklappt! Hubert ist zwar weiterhin hinter mir, aber Wolfgang fehlt vorne – die anderen auch! In Linz verschwindet Hubert im Batteriewechsel Fachmarkt und ich besorge Kaffee in einer Bäckerei.
Die junge Dame fragt mich irgendwas – „“Hä?“ – ich hebe fragend die Brauen. Sie wiederholt die Frage, ich wiederhole das Brauen heben. Sie winkt ab und gibt mir zwei Kaffee. Rainer Holtgreve fällt mir ein, der mir mal erklärte:“ der größte Unterschied zwischen Deutschland und Österreich ist die gemeinsame Sprache“. Hubert ist mit der Reparatur recht schnell fertig. Ab nach Groß Gerings. Und jetzt werden wir richtig nass! Die Hose wirkt wohl nur, wenn die Gruppe vollzählig ist.

Hermann Josef ist mit seiner Gruppe schon da, Mike zeigt nur, wo wir parken können. Die anderen treffen jetzt auch ein. Alle da – ein schönes Gefühl!
Das Abendbrot ist vorbei – das Nachtickern ist vorbei – es war mal wieder ein wunderbarer Tag, den ich nicht zur Routine vergammeln lassen werde!

Dank an meine Kleingruppe, Dank an alle 32, in deren …..ich mich so gut aufgehoben fühle. Und Dank auch – nach ganz oben!

Martin

 


4. Tag (Dienstag, 05. September 2017)

Groß-Gerungs – Mutterberg/Häuserl im Wald

Es ist Dienstagabend, der vierte Tag ist nun fast vorüber. Schnell wie die Zeit vergeht. Was ist heute passiert? (ein unvollständiger Versuch zu berichten)
Ein herrlicher sonniger Morgen in Groß-Gerungs.
Der morgendliche Zündfunken fand oberhalb des Hotels naher einer Obstwiese statt. So konnten einige schnell noch ihren Hunger auf eine Apfel stillen (die sind ja dieses Jahr in unseren nördlichen Gefilden etwas seltener anzutreffen)

Unser Geburtstagskind Friedhelm wurde mit einem kleine Ständchen geehrt.
Als Thema des Tages wurde „was bewegt mich, was beschäftigt mich unter meinem Helm“ als Anreiz gegeben. Dazu gleich mehr.
Denn bevor mit dem Nachdenken begonnen werden musste, wurden sowohl die Vorräte für das Motorrad (Benzin) als auch für leiblichen Genuss (Leberkäs Semmel …..Hirsch) bzw. Getränke von Feinkost Hofer gebunkert.
So gut gerüstet starten wir um das Waldviertel unsicher zu machen. Da gibt es so viele schöne Straßen und Hügel, so dass von mir gefühlt viele Berge von allen Seiten in Augenschein genommen wurden. Insbesondere der Ort Gutenbronn hatte Thomas so inspiriert, dass wir ihn zweimal anfuhren. Herrlich!

So jetzt komme ich zum Nachdenken, was bewegt mich:
Es ist doch fantastisch in einer Gruppe zu fahren, entspannt die Landschaft genießen zu können und so wissen, dass man gut und sicher an der nächsten Ort geführt wird. Einfach loslassen und so in der Nähe des Wallfahrtsorts Maria Taferl. Vom gegenüberliegenden Hügel können wir diese prächtige Kirche bereits sehen. Als könnte Thomas Wünsche erahnen, fahren wir die Kirche an und stoppen zu einer kleinen Sightseeing Tour (wir sind auch nicht die einzigen, die wir dort treffen) Zur Bekräftigung dieses Gedankens „Einfach mal loslassen und sich führen lassen“, sehe sich ein großes Plakat.
„Mal das Ruder aus der Hand geben“. Dies ist eigentlich ein Werbeplakat für eine Brauerei und passt aber ganz gut.
Kurz danach ein weiteres Plakat „Sei ohne Sorge – Gott ist da“. Passt auch irgendwie. Nach dem Wallfahrtsort Maria Taferl geht es zügig zur Donau herunter in Richtung Stift Melk ……diese riesige Anlage auf dem Hügel.
Was die Menschen wohl damals gedacht haben, als sie diese goldüberfrachtete Barockbasilika gesehen haben?
Nach dem Verzehr unserer Semmeln im Vorgarten es Stifts, sind wir gestärkt und es kann fast in einem Rutsch Richtung Steiermark gehen.

Die Berge kommen langsam immer näher. Der erste „Pass“ Hengstenpass wird genommen. Die Pferde meiner kleinen Honda jubeln. Noch ein weiterer kleiner Pass wird genommen: der ……pass . Es macht Vorfreude auf die nächsten Tage. Der Rest wurde auch noch geschafft, auch die etwas nervige Rollsplitt Strecke.
„Jetzt sind wir in der Steiermark“

Stefan

 


5. Tag (Mittwoch, 06. September 2017)

Gröbming / Mitterberg / Häuserl im Wald

Heute ist der erste Rundfahrt Tag ohne Gepäck. Wir treffen uns wie gewohnt zum Zündfunken. Dieses Mal hinter dem Hotel. Stefan verlas seinen Tagebuch Eintrag. Drei Hotelgäste, die interessiert unserem Treiben zuschauten wurden eingeladen mit uns zu beten und zu singen. Unter dem Motto „Wie ist deine Rolle in deinem Leben?“ hatten wir einen neuen Zündfunken für den Tag. Alle 4 Gruppen fuhren in verschieden Richtungen davon. Die Gruppen waren heute nicht komplett, denn Wilfried, der technisch bedingt einen Ruhetag einlegen musste und Tim und Wolfgang, die einen kulturellen Tag einlegten, waren nicht alle dabei. Nach dem die Mopeds vom Hof waren, kehrte eine ganz komische Ruhe ein. So etwas habe ich in den ganzen Jahren „Pilgern mit PS“ noch nicht erlebt. Alle Pilger sind weg und man steht alleine da. Es war eine ganz neue Erfahrung für mich. Ich fahre mit Tim zum Benediktiner Stift Admont, ca. 50 km entfernt. Wir besichtigen dort die Klosterkirche, das naturhistorische und das kunsthistorische Museum. Unter dem Titel „Dem Himmel nahe“ gab es in diesem Jahr eine spätgotische Ausstellung mit Skulpturen und Bildern. Wir fühlten uns in die Zeit kurz vor Luthers Reformation hineinversetzt. Aber am beeindruckendsten war das so genannte „8. Weltwunder“. Wir bekamen eine Führung geboten durch die weltweit größte klösterliche Bibliothek mit ca. 70.000 Büchern. In der Gruppe wurde ich gefragt:“Wie kannst du jetzt den Bogen vom Stift zu unserem Motorrad Pilgern schlagen?“ Ganz einfach. Das Stift ist der Startpunkt des „Hemma Pilgerweges“ von Kloster Admont bis Kloster Gurk.

Die heilige Hemma war Gründerin des Benediktiner Stiftes im Jahre 1074. Wenn ich im stift lese, was pilgern bedeutet, nämlich „Pilgern bedeutet, die Perspektive zu wechseln, Begegnungen zuzulassen, sich auf Gott und sich selbst zu besinnen und eine Neuorientierung für die Anforderungen im Leben zu bekommen“.
Also finde ich, warum wir auch heute im Pilgerplan, selbst ohne Motorrad fahren. Zum Abschluss sage ich „Ja“, sag ja zu den Überraschungen, die seine Pläne durchkreuzen, deine Träume zunichtemachen, deinem Tag eine ganz andere Richtung geben…
ja vielleicht deinem Leben. Sie sind nicht Zufall. Lass dem himmlischen Vater die Freiheit, deine Tage zu bestimmen (Helder Camara)
Nichts desto trotz, freue ich mich heute darauf mit euch, liebe Pilger, durchs Salzkammergut zu fahren und neue Pilgerwege zu entdecken.

Wolfgang H.

 


6. Tag (Donnerstag, 07. September 2017)

Gröbming

Liebes Tour Tagebuch,
heute, an meinem Namenstag, bist du bei mir gelandet.
Nach einer stürmischen Nacht, war es zwar kalt und bewölkt, aber trocken. Zum Zündfunken sind wir in eine kleine Kapelle in der Nähe gefahren. Alle passten hinein und auch die Tür konnte noch geschlossen werden, aber die Helme mussten diesmal draußen bleiben. Als Impuls hörten wir den Poetry Slam von Marco Michalzik „ Was ist mir heilig?“ und wofür lohnt es sich zu kämpfen. Mit diesem Gedanken machten wir uns auf den Weg zur großen Seenrunde. Erster Stopp war am Gundlsee, wo es Briefmarken und Toiletten, nicht in der Tourist-Info, sondern im 500 Meter entfernten Uni Markt gab.

Weiter ging es zum Hallstättersee mit gutem Kaffee und lecker Erdbeer- bzw. Kaffeeroulade. Dann kam noch der Attersee, Mondsee und Wolfgangsee, allerdings nicht zum weißen Rößl, sondern ein kleines Café mit reichlich Wespen in Strobl.

Der Rückweg führte dann über die Postalm und am Dachstein vorbei wieder zurück nach Gröbming.
Beim Nachtickern – nach einem köstlichen Grillabendessen – haben wir noch überlegt, ob alles was uns wichtig ist, auch gleichzeitig heilig ist bzw. was dazu gehört, damit mir etwas heilig wird.

Mein Fazit: wenn mir etwas so wichtig ist, dass ich mich von meinen Gefühlen leiten lasse, dass ich nicht mehr abwäge, sondern etwas einfach tue oder mich für etwas einsetze, dann ist es mir auch heilig.
Danke, dass wir gemeinsam unterwegs sein durften.

Regina Kretschmer

 


7. Tag (Freitag, 08. September 2017)

Gröbming / Landshut

Das TOURENTAGEBUCH – auf anderen Touren ob seines Aussehens auch schon mal liebevoll „LILA“ genannt – bei dieser Tout mit Bildern früherer Touren verziert und aus Sparsamkeitesgründen oder aus ökologischer Motivation heraus, als Wende Buch ausgeführt - das TOURENTAGEBUCH also, gehört zur einer Pilgern mit PS Fahrt wie….
- das Ventil zum Schlauch
- das Öl zum Getriebe
- oder der Fahrer bzw. Fahrerin zum Moped!
Trotzdem wiederfährt dem TOURTAGEBUCH sehr häufig morgens eine Runde Nicht –Beachtung. Wobei das dem TOURTAGEBUCH durchaus nichts ausmacht. Es denkt sich „MMH mh mh – ihr könnt mich ja ruhig noch mal eine Runde kreisen lassen, einen von euch krieg ich trotzdem – denn sonst könnt ihr nicht losfahren!!!“ Der einfache Pilger hingegen denkt. „Och nöö, ich konnte doch in der Schule schon keine Aufsätze schreiben, das kann der Nachbar bzw. Nachbarin doch bestimmt besser.“ Und die oder der denkt: „Oh Gott oh Gott! In Papier wickelt man Kraut ein und raucht es, aber ich schreib doch nicht darauf“ und gibt das TOURTAGEBUCH weiter. Der Nächste „Nee, das ist doch Arbeit, ich trink lieber Bier!“ usw. usw. Ich denke, jeder von euch kann die Liste sehr gut selber vervollständigen und ich gebe zu, ich forme selbst oft innerlich einen spitzen Mund und pfeife unhörbar das Unschuldslied „Is was?“ und denke, „Lass bloß den Kelch an mir vorüber gehen“.
Aber die letzte Nacht in Gröbming beim Häuserl im Wald habe ich gut geschlafen (Klammer auf: Es gibt Stimmen, die besagen, dass ich nachts gar nicht schlafe, sondern arbeite; man wisse zwar nicht was, aber das umso geräuschvoller – ist mir gar nicht bewusst, muss wohl ein unbekanntes Ich von mir sein. PS: Angelegenheit ließ mir keine Ruhe, habe telefonisch meine Frau befragt. Erschreckender Weise bestätigt sie den Umstand an sich und verstörender Weise auch noch die Intensität – bin schockiert - versteh die Welt nicht mehr – PS Ende) Klammer zu
Also noch mal von vorne: das mir bekannte Ich hat gut geschlafen, sich am Frühstücks Buffet ausreichend gestärkt und eine kleine Dröhnung Koffein eingeschmissen. Auf dieser Grundlage wuchs der Entschluss: „TOURTAGEBUCH – heute bist du dran – heute werden wir ein Paar“
So, und was kann ich dir jetzt anvertrauen? Fangen wir mal mit dem Fahren an. Bei früheren Fahrten von Pilgern mit PS bin ich mehr in der Mitte oder vorn gefahren, diesmal darf ich und kann ich als Vorletzter fahren. Dies führt wiederum zu einer anderen Perspektive auf die Fahrgruppe. Zum Beispiel an einer Straßenmündung: da stehen von außen betrachtet 7 Motorräder wie ein Knubbel da und lösen sich dann völlig unaufgeregt in eine wohl geordnete Formation auf. Da ist die hügelige Weidelandschaft ohne Pfosten und Zäune, durch die sich das Band der Straße schlängelt. Mein Vordermann wird in die Höhe gehoben, erklimmt die Straßenkuppe um sofort dahinter zu verschwinden. Als ich die Kuppe passiere, u.U. mit einem leichten Magenhüpfer, erblicke ich ihn schon mit leichter Schräglage in einer Linkskurve während weiter vorne der Guide bereits sich in einer Rechtskurve befindet. Dazwischen die anderen Maschinen mit identischem Abstand zueinander, mit gleichen Geschwindigkeiten, die sich einer Perlenkette gleich, wie eine Einheit durch die Landschaft bewegen.
Oder die Durchfahrt in einem Wald, dessen Dunkelheit durch das heruntergelassene Sommervisier nochmals verstärkt wird, so dass ich eigentlich mir die roten Rücklichter wahrnehme, die, zwar der Straße folgend, anscheinend zwischen den Bäumen hin und her springen. Es fasziniert mich! Es begeistert mich! Ich staune, wie sich die Gruppedurch einen unsichtbaren Faden verbunden als Einheit durch die Landschaft bewegt. Fas wie ein eigener Mikroorganismus und ich freue mich und bin stolz darauf, Teil dieses Mikroorganismus, dieser Einheit zu sein und meinen Beitrag alleine dadurch zu leisten, das ich nicht aus der Reihe tanze, dass ich genauso fahre und fahren kann wie die anderen, meine Rolle in der Gruppe habe.

An dieser Stelle rührt sich was, irgendwo im Hinterstübchen, so wie ein Allergiker auch nur Spuren von z.B. Nüssen in seinem Essen erspürt und spült eine ganz andere Assoziationskette hoch:

  • Gemeinschaft
  • Einheit
  • Gleichheit
  • Gleichklang
  • Gleichtakt
  • Gleichschritt
  • Gleichmarsch

Ich denke, in der Generation meiner Eltern bzw. Großeltern wird es bei manchem einen zunächst ähnliche begeisternden Gefühle für die Gruppe „Gleichgesinnter“ gegeben haben, wie wir alle wissen und die Worte von Gestern aufgreifend „unheiligen“ Folgen.
Haben wir Anteile solchen Gedankengutes unter uns? Ich lass die Frage zunächst stehen und möchte einen persönlichen Einschub von außerhalb der Tour einbringen.

Im Mai diesen Jahres hat meine große Tochter geheiratet. Ihr Freund - nunmehr ihr Mann – also mein Schwiegersohn – ich habe noch ein wenig Gewöhnungsbedürfnis an die Nomenklatur – ist mit seinen Eltern in einem Motorradclub, der natürlich auch zur Hochzeit eingeladen war. Die Herren erschienen erwartungsgemäß, in schwarz, sicherlich frisch gewaschen, keine Frage, in einigen Fällen auch mit weißem Hemd kontrastiert, längeres Haupthaar, dann meist grau und dünn, zum Zopf gebunden in Einzelfällen auch der Kinnbart, Ketten, Ringe, Piercings frisch poliert. Wenn man sich mit Ihnen unterhielt, kann man sagen, durchaus nette Jungs, teilweise eher schüchtern, was in einem deutlichen Kontrast zu dem martialischem Gehabe auf den Maschinen mit Hochlenker und Stahlhelm stand. Und natürlich durfte die Kutte nicht fehlen, mit Logo auf dem Rücken, Abzeichen vorne – und einer Abkürzung bestehend aus 4 Buchstaben und vier Punkten „Was bedeutet das?“ „Mmmh – dürfen wir eigentlich nicht sagen…..also: einmal Mitglied im Club – immer Mitglied im Club“. Bei dieser Ausschließlichkeit, bei diesem „Glaubensbekenntnis“ der besonderen Art stellen sich mir doch arg die Nackenhaare hoch. Die übertragbare Frage ist: gibt es derartige Ausgrenzungen auch bei uns? Vielleicht Alt Pilger gegen Neu Pilger. BMW gegen Honda (oder gesamten Rest)? Katholiken gegen Evangelen? Als Antwort hierauf und die vorherige Fragen kam mir das Bild von Martin in den Sinn, wie er am ersten Abend in Suhl die T-Shirts verteilt, T-Shirts die uns ja durchaus als Gruppe erscheinen lassen sollen. Aber es gibt sie mit langem Arm und kurzem Arm, mit Beschriftung auf dem Rücken und ohne, mit roter Schrift auf schwarz, mit schwarzer Schrift auf Rot, mit gelber auf schwarz, rot auf blau, in grün, grau und Aubergine. Kurz: die Shirts, die uns als Einheit kennzeichnen, sind so verschieden wie die Menschen, die sie tragen, die Maschinen, die sie fahren und die Landschaften, die wir besuchen.
Und so lange wir Neupilger auf- und mitnehmen, Hotelgäste und andere in unseren Kreis bitten, solange kann ich gerne und mit Freuden auf Zeit, Teil einer Einheit, eines Mikroorganismus sein und im Gleichklang durch die Kurven schwingen.

So haben wir es heute bzw. gestern auf Fahrt von Gröbming nach Landshut bei herrlichem Bilderbuchwetter auch getan. So manch herrliches Bergbild konnte ich zuvor wegen fehlenden Stopps an richtiger Stelle nicht auf Platte …., sie bleiben aber als schöne Erinnerung in meinem Kopf mit Sicherheit erhalten.
So, liebes TOURTAGEBUCH. War schön mit dir geplaudert und Gedanken gesponnen zu haben. Ich gebe dich jetzt zurück in deine Runde und wünsche dir die Achtung, die dir zusteht.
Tschüss

Ulrich R.

 


8. Tag (Samstag, 09. September 2017)

7.00 Uhr
Der Wecker klingelt. Aufstehen?
Nee – lieber noch einmal auf´s Nachwecken stellen. Frühstück gibt’s ja erst um viertel vor acht.
Um 7.10 Uhr dann: „Moin Klaus! Bist du gestern wach geworden, als ich ins Bett kam?“ „Nee. Du warst schön leise. Aber dass du das so kannst…Den ganzen Tag auf´m Moped und abends dann noch so lange aufbleiben – in deinem Alter!“ Der Jungspund ist gerade mal drei Wochen jünger als ich.

9.00 Uhr
Thema: Was nehme ich von der Pilgertour in den Alltag?
Dann geht’s los. Wilfried fährt wieder mit. Gestern – nach der Reparatur der Bremse hinten – so teilt er mit, habe er sich bei einem Unfall den Fußbremshebel verbogen. Aber alles gut, die Reparatur sei zügig vonstattengegangen. Der Himmel seiht bedrohlich aus. Erste kurze Pause – Pelle an. Eine weise Entscheidung!

12.27 Uhr:
Mittagspause auf´m platten Land in Wassertrüdingen. Gasthof „Zum Brui“. Ist zu empfehlen. Jetzt noch 111 km bis….
Bei der Weiterfahrt durch strömenden Regen fällt mir ein, dass wir heute zum letzten Mal in dieser Gruppenkonstellation unterwegs sind. Morgen werden sich neue Heimatgruppen bilden. Und das Thema des Zündfunkens fällt mir ein: „Was bleibt hängen?“ Das „Laudate“ im Kloster Waldsassen, die zügige Fahrt mit Christian und den beiden Italienern über eine sehr geile Strecke, durch ein sehr geiles Tal – ich habe knapp die …..verpasst. Der Wolfgangssee und der Ohrwurm, den wir alle jetzt nicht mehr loswerden. Und:“ Was genau, Jörg, hast du an der Formulierung „freier Fahren“ nicht verstanden?“
Natürlich bleibt sehr viel mehr hängen – so einiges fällt mir ein, heute, am letzten Fahrtag in dieser Konstellation.
14.55 Uhr
Kaffeepause: Wir sind uns einig, dass der Begriff „Ankommen Bier“ bei Wikipedia dieselbe Präferenz besitzen solle wie …äh…z.B. Objektprävalenz. Und jetzt noch 20 km bis…
um 15.07 Uhr schmeiße ich den Anker. Ulla und Otto: Ihr erinnert euch? Ihr hattet im letzten Jahr 50.000 km Jubiläum. Ich jetzt um 15.07 Uhr 100.000 km voll! Natürlich mach ich ein Foto! Und jetzt sitze ich auf der Terrasse einer Almhütte und genieße den Blick in die Hammelburger Weinbergwelt. Große Nachtickerrunde vor dem Nachtisch – was nehme ich mit?
Dankbarkeit für das Erlebte, das Erfahrene, die Gemeinschaft und dafür, dass nichts Dramatisches passiert ist.
Und ich danke Gudrun, die mir überhaupt den Anstoß gegeben hat, mich als TN für die steirischen Alpen anzumelden. Gottes Segen und kommt gut nach Hause!
Möge die Straße…

Martin

 


 9. Tag (Sonntag, 10. September 2017)

Wieder zurück
Nach 3245,4 km erlebnisreicher Kilometer ist nun auch diese Pilger Reise zu Ende, aber auch am heutigen Tag ist doch wieder einiges passiert.
Nach einer guten Nacht und gutem Frühstück ging es wieder pünktlich um 9.00 Uhr zum Zündfunken, in dem natürlich das irische Segenslied „Möge die Straßen uns zusammenführen“ nicht fehlen durfte. Ich empfinde dieses immer wieder aufs Neue sehr berührend und zeigt deutlich auf, dass das Ende und somit der Abschied kurz bevor steht. Ein letztes Mal stellen wir uns Schulter an Schulter auf, geben uns über Kreuz die Hände und drehen uns zeitgleich um die eigene Achse, so dass wir in alle Himmelsrichtungen ausschwärmen können – ein schönes Ritual mit Wirkung.
Es bilden sich die letzten Fahrgruppen, die dann jeweils gemeinsam die Heimfahrt antreten. Ich werde mich mit Wolfgang, Conny und Wilfried auf den Weg machen – und das in dieser Reihenfolge. Plötzlich dieser Rollenwechsel. Auf der Pilger Reise stets auf der 2 hinter Herman-Josef, gefolgt von Udo und Gudrun, Franz-Josef, Thomas, Ulrich und als Schlussfahrer Gerd, aber jetzt vorn und wegweisend.
Dank Navi Einstellungen kurvenreich auf kleinsten Straßen erfahren wir tolle Strecken – ich frage mich immer wieder, woher Tom Tom all diese Routen kennt?
Mit Vertrauen aufs Navi und dem regelmäßigen Blick in den Spiegel fahren wir Kilometer für Kilometer und ich stelle fest – läuft alles.
Es kommt sogar Raum für Gedanken auf, was so alles in dieser Woche passiert ist. Ich denke an das Vortreffen, den gemeinsamen Abend vor der Reise, die Hotels, all die tollen Momente, die Tagesaufgaben, unserer tolle Fahrgruppe,….aber auch so langsam an das Ende dieser Zeit wie auch an den Anfang der Zeit danach.

Ich überlege, was ich für mich aus dieser Pilger Reise mitnehme und da fallen mir folgende Gedanken ein:
…wie schön es doch ist, sich mal so richtig in die Kurve zu legen und mit Elan daraus zu beschleunigen
…einfach mal an Nr. 2 fahren und führen zu lassen und Raum für Gedanken zu haben
…mit Abstand fahren, um Raum und Zeit zu lassen und aus verschiedenen Perspektiven beobachten und genießen
…mal runterschalten zum anschließenden konzentrierten und kraftvollen Durchstarten
Vielleicht schaffe ich es ja, das ein oder andere ins echte Leben zu übertragen.

In Alsfeld machen wir noch mal Halt, Tanken – für Maschine, Leib und Seele. Hier verabschiedet sich nun Wilfried.
Mir kommt in den Sinn „10 kleine Negerlein“, langsam aber sicher werden wir weniger.
um 16.11 Uhr und nach 307 km erreichen wir die Drüggelter Kapelle, hier wollen wir unsere Reise beenden, doch wir sind nicht allein. Es laufen gerade die letzten Vorbereitungen für ein Konzert, aber uns wird dennoch Eintritt gewährt.

Wir singen ein letztes gemeinsames „Laudate omnes gentes“ und vernehmen, wie die anderen Anwesenden mit einstimmen – ein schönes Gefühl.
Noch ein paar Fotos und wir machen uns auf den Weg.
Und nun beginnt sie, die letzte Etappe.

Um 18.20 Uhr und nach 105 km stehe ich dort, wo dieser Tagebucheintrag begann – wieder zurück, zurück zu Hause.
An dieser Stelle möchte ich gern noch einfach mal DANKE sagen.
Danke an die, die zu dieser tollten Pilger Reise ihren Teil beigetragen haben, sie es als Organisatoren, Teilnehmer, Gruppenmitgliede, Zimmergenossen, Gesprächspartner, aber auch als Person, die wir auf unserer Reise angetroffen haben.
Von den Eindrücken, Erfahrungen, Gedanken und Erinnerungen werde ich sicher noch lange zehren können.
In diesem Sinne habt ´ne gute Zeit und „Möge die Straße“

Mike aus Tö

 

 

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