2017 | Spurensuche | Tour-Tagebuch

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7. Tag (Freitag, 14. Juli 2017)

Kloster Volkenroda – Hotel Alt-Laubach, Laubach

Der Tag beginnt wie immer: aufwachen, Katzenwäsche, packen, Frühstück, Zündfunken, aufrödeln, Schlüsselabgabe, bezahlen. Für mich ist das ein sehr besonderer Ort, da, wo Altes und Neues, auch architektonisch wunderbar, zusammenfindet, wo Stille herrscht und Offenheit – ich komme wieder. Nach meinem Ruhetag gestern fühlt es sich gut an, wieder aufzubrechen, gemeinsam auf Spurensuche zur gehen. Die frische Morgenluft tut gut. Mein Schnabeltier, wie ich die große Dicke aus Bayern nenne, pfeift ihr Lied über die Straßen. Die Thüringer Landschaften gleiten vorbei. Hier ist man sehr nahe dran an den versprochenen blühenden Landschaften. Welch eine Wohltat für die Augen nach den sachsen-anhaltischen Agrar-Steppen! Bei einer kurzen Rast sehen wir Mutterkühe mit ihren noch kleinen Kälbern. Die tollen wild herum und schlagen aus. Die Mamas geben ihren Missfallen über so viel jugendlichem Ungestüm lauthals Ausdruck - das pralle Leben! Bei Steinbach halten wir an. Nach einem kleinen Fußweg - pilgern ohne PS und ohne GS - sind wir an der Stelle, wo aus Martin Luther Junker Jörg wurde. Von dort wurde er auf die Wartburg gebracht, wo er die Bibel vom Lateinischen ins Deutsche übersetzte. Das imponiert mir. Wir wissen heute, dass er damit Geschichte schrieb, auch für Deutschland. Auf eine innige Weise fühle ich mich Thüringen immer noch sehr verbunden. Dort habe ich in der Nachwendezeit gearbeitet, es hätte Heimat werden können. Unsere große Mittagspause haben wir in Bad Liebenstein. Wilfried bestellt ein Super-Dooper-Turbo-Mega-Burner-Burger. Der Preis lässt auf eine ansehnliche Größe schließen. Als das Teil auf dem Tisch abgeladen wird, wird seine Größe von Wilfrieds schreckgeweiteten Augen übertroffen. Na dann, Mahlzeit! Uns anderen werden nur geringfügig überschaubarere Mengen serviert. Ich neige nicht zu Übertreibungen, das Ergebnis wird für die Nachwelt fotografisch festgehalten und im Fotobuch zu bestaunen sein – Ende des Werbeblocks!
Dann geht es weiter, immer weiter, das Baustellenlotto steht 2 : 0 für die Pilger.
Ach übrigens: Gruppe? wird!

Die ehemalige innerdeutsche Grenze fliegt vorbei, sie ist nicht mehr sichtbar, aber noch in manchen Köpfen. Ich gerate in einen Flow, alles funktioniert wie von selbst, das obere und das untere Teil des Motorrads werden zu einem Ganzen. Mich erreicht mein Ordnungsruf: Menschlein, Menschlein, überschätze dich nicht. Ankunft in Laubach mit Einfüllen diverser Kaltgetränke.

Zwei Fragen haben mich den ganzen Tag über bewegt:
1. Stellen wir uns einmal vor, der ehrenwerte Professor Martin Luther säße als Ehrengast in der ersten Reihe, neben anderer Prominenz, in der Westfalenhalle mit 20.000 Menschen anlässlich der Uraufführung seines Pop-Oratoriums. Was hätte er wohl drüber gedacht? Eine Antwort könnte die sein, die auch im Text des Oratoriums zu hören ist: es geht nicht um mich! Ich denke, es geht um Glauben, um den persönlichen Glauben, um die Beziehung zu Gott. Das ist etwas, was in derartigen Großveranstaltungen zu kurz kommt. Es gibt sicher noch mehr Antworten, die muss jeder für sich finden. Jedenfalls fühle ich mich mit meinem Glauben auf dieser Reise besser aufgehoben.
2. Stellen wir uns einmal vor, der ehrenwerte Professor Martin Luther, wohl unter dem Decknamen Junker Jörg, wäre mit uns auf seiner Moto-Guzzi, oder sollte ich besser landestypisch
eine MZ nehmen, unterwegs auf Spurensuche. Ich behaupte: vermutlich wäre er ziemlich begeistert, über Spaß, gutes Essen (siehe heute Mittag), geistige Getränke und geistlichen Input.
Doch da fällt mir ein: er fährt ja tatsächlich mit, er ist der Rahmen unserer Reise, dazu braucht er weder Guzzi noch MZ.

Wir hingegen – ganz irdisch – geben morgen wieder den Zündfunken, denn die Spurensuche geht erfreulicherweise morgen wieder weiter und hört auch dann nicht auf.

Thomas aus dem Noch-Süden für Pilgern mit GS

 

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